Der Bauzaun des Nationalgalerie-Neubaus am Kulturforum wird in den kommenden Jahren mit wechselnden künstlerisch-grafischen Gestaltungen bespielt. Diese haben stets einen Bezug zum Sammlungsschwerpunkt im Neubau: das 20. Jahrhundert aus künstlerischer Perspektive. So wird sichtbar und erfahrbar, dass hier ein neuer gesellschaftlicher Ort, ein Ort der Kunst entsteht, der den Anspruch hat, sich mit der Stadtgesellschaft zu verknüpfen.

Mit einem Werk des Künstlers Hans Haacke setzt die Nationalgalerie als Auftakt der „Kunst am Bauzaun“ ein Zeichen für eine offene, kulturell vielfältige und tolerante Gesellschaft.

Das Projekt wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Bauzaun der Baustelle für den Neubau für die Nationalgalerie. Auf dem Plakat steht in mehreren Sprachen „Wir (alle) sind das Volk“. Im Hintergrund die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe.
Hans Haacke, „Wir (alle) sind das Volk“ (2003/2017/2021), Kunst am Bauzaun, Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: © SPK / photothek.de / Thomas Köhler

„Wir (alle) sind das Volk“

Haackes Arbeit „Wir (alle) sind das Volk“ ist von Mai bis Oktober 2021 entlang der Baustelle als Kunstprojekt im öffentlichen Raum zu sehen. Das in 12 Sprachen verfasste Statement verweist auf die weltbekannte Parole der friedlichen Revolution in der DDR 1989, die jedoch in jüngerer Zeit auch von rechtsextremer Seite umgedeutet wurde.

Haacke erweitert die Parole: Er fügt ein eingeklammertes „alle“ hinzu, übersetzt sie in viele Sprachen und flankiert sie mit Regenbogenfarben. Dabei geht es ihm um die Anerkennung von kultureller Vielfalt und diverser Lebensformen über ethnische und staatliche Grenzen hinweg. 

Die Werkidee

Die Konzeptidee zu „Wir (alle) sind das Volk“ begann 2003 für die Nikolaikirche in Leipzig und war 2017 Teil der documenta 14 in Kassel und Athen. Wie in vielen seiner Arbeiten greift Haacke vertraute Signale, Elemente oder Farben sowohl aus der Kulturgeschichte als auch aus der Werbesprache auf. Die Sprachauswahl der jeweiligen Ausgabe orientiert sich an der Zusammensetzung der Migrant:innen und Geflüchteten in der lokalen Bevölkerung. Die Sprachen der neuesten Berliner Bauzaun-Version sind: Arabisch, Bulgarisch, Deutsch, Englisch, Farsi (Dari), Französisch, Kroatisch, Polnisch, Russisch, Rumänisch, Tigrinya (Sprache in Äthiopien/Eritrea), Türkisch. Für Berlin ergänzte Haacke die documenta-Version durch eine brandaktuelle New Yorker Variante

in Reaktion auf die „Black Lives Matter“-Bewegung. Dabei verschränken sich Schwarz und Weiß stärker und die Regenbogenfarben, die bei der documenta-Variante nur seitlich flankieren, füllen den gesamten Hintergrund.

Seit 2003 wurde die Intervention weltweit in unterschiedlichen Städten – etwa in Berlin, Bratislava, Brüssel, Chemnitz, Dresden, Gent, Halle (Saale), Leipzig, Kopenhagen, Madrid, New York, München, Ramallah und Zürich – gezeigt, jeweils ortsspezifisch angepasst, montiert an Fassaden von Kulturinstitutionen oder an Stadtmöbeln wie Bushaltestellen oder Telefonzellen.

Bauzaun des Neubaus für die Neue Nationalgalerie. Auf zwei Plakaten steht auf regenbogenfarbigem Hintergrund in schwarz-weiß geschrieben „We (all) are the people“.
Hans Haacke, „Wir (alle) sind das Volk“ (2003/2017/2021), Kunst am Bauzaun, Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, © SPK / photothek.de / Thomas Köhler

Wer sind „wir“? Wer sind „alle“?

Der Begriff „Volk“ hat im gesamten 20. Jahrhundert in Deutschland eine zwiespältige und oft unheilvolle Rolle gespielt. Das eingeklammerte „(ALLE)“ verunsichert und lädt ein, aus dem angebotenen Statement eigene Schlüsse zu ziehen. Denn ohne Punkt, Ausrufe- oder Fragezeichen bleibt die Aussage bewusst offen: Wer sind ‚wir‘? Wer sind ‚alle‘? Hans Haacke erklärt dazu: „‚Wir (alle) sind das Volk‘ bekräftigt unsere Verbundenheit mit allen Migranten und Flüchtlingen, die gegenwärtig in vielen Ländern der Welt virulentem Fremdenhass, Rassismus und lebensbedrohenden Religionskonflikten ausgesetzt sind.“

Hans Haacke in der Sammlung der Nationalgalerie

Die Sammlung der Nationalgalerie setzt sich qua definitionem seit ihrem Bestehen Ende des 19. Jahrhunderts intensiv mit den wechselnden Vorstellungen eines ‚nationalen‘ Selbstverständnisses auseinander. Aufgrund ihrer eigenen Teilungsgeschichte verfügt die Nationalgalerie über einen besonders vielgestaltigen Bestand von Werken aus West- wie Ostdeutschland, der im Neubau auch einen Schwerpunkt darstellen wird.

In der Sammlung der Nationalgalerie befinden sich drei frühe Arbeiten Hans Haackes, so genannte „Realzeitsysteme“, kleine modellhafte Skulpturen: „Les Couloirs de Marienbad“ (1962), „Beengter Fluß“ (1965) sowie „Kondensationswürfel“ (1963/65). Sie können als frühe Vorläufer einer ökologisch verstandenen Kunst gelten, denn sie zeigen den Menschen als gleichermaßen eingebunden in biologischen, soziokulturellen und politischen Systemen. Eine Idee, die Hans Haacke auch in seiner aktuellen Arbeit „Wir (alle) sind das Volk“ wieder aufgreift.

Hans Haacke

Der 1936 in Köln geborene, seit über fünf Jahrzehnten in New York lebende Hans Haacke gilt als konsequenter politisch-kritischer Künstler. Haacke beschäftigt sich vielfach mit der Frage, wie nationale Identität visuell dargestellt werden kann. Bekannt ist seine Arbeit „Der Bevölkerung“ (1999/2000) im Innenhof des Berliner Reichstagsgebäudes. Leuchtbuchstaben in Wahlkreis-Erde zeigen

hier eine sich ständig wandelnde Aktualisierung zu der Inschrift „Dem deutschen Volke“ von 1915 am Eingangsportal.

1993 erhielt Haacke zusammen mit Nam June Paik den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für den Deutschen Pavillon. Im Jahr 2021 wird ihm der Kaiserring der Stadt Goslar verliehen, einer der wichtigsten Kunstpreise im deutschsprachigen Raum.